Bridgerton und Regency.

Die Bilder und Vorstellungen, die wir mit dem Leben im ausgehenden 18. Jahrhundert bzw. beginnenenden 19. Jahrhundert verbinden, sind seit »Bridgerton« allgegenwärtig. 
 
Die Darstellung der Frauen ist recht einseitig. Das weibliche Geschlecht ist einzig auf der Welt, um möglichst vorteilhaft zu heiraten. In diesen Büchern bestimmt der Wunsch nach einer Heirat das Denken der Frauen. Sie sind nichts wert ohne Mann, meistens sofort ruiniert, wenn sie nur mit einem Herrn alleine reden. Zudem tanzen sie sich von einem Ball zum nächsten durch die Saison. 
Wenn sie nicht gerade einen der Bälle besuchten, wurde Tee getrunken, flaniert, im Hyde Park ausgeritten oder Kutsche gefahren – immer auf der Suche nach einem Mann, der sich gerne mit anderen Herren seines Standes in einem der Londoner Clubs traf. 
Obligatorisch für beide Seiten – obgleich sich der Mann in den Büchern und Filmen gerne dagegen sträubt – waren Ballbesuche, auf denen ein Heiratskandidat innerhalb einer Saison gefunden werden musste, sonst waren vor allem die Damen Mängelexemplare. Männer wirken in diesen Büchern und Filmen durch ihre Weigerung zu heiraten und auf Bälle zu gehen, nur umso begehrlicher, geheimnisvoller auf jeden Fall sind sie das Objekt der Begierde.
 
Auch wenn ich hier all die Klischees hervorgehoben habe, mögen diese Dinge dennoch in die Zeit des Regency passen. 
Aber es ist genau das.
Eine andere Zeit als die, in der ich schreibe.
 
Dabei bezeichnet das Regency eine Epoche im Vereinigten Königreich und Irland, die um ca. 1810 bis 1820 angesiedelt ist, und von starken technischen Umbrüchen in der beginnenden industriellen Revolution gekennzeichnet ist. Der Begriff »Regency« wird nicht für den Kontinent verwendet. Dort wütete Napoleon.
 
Was ist anders? Es ist englisch. Das ist ein großer Unterschied. Jeder Franzose wird diese Feststellung bejubeln. Die Zeit war prüder und steifer als das bunte und beschwingte Rokoko. Gerade die Oberschicht war sehr geprägt von strengen, festgefahrenen Ansichten. Ist auch verständlich, wollten diese sich doch von der aufkommenden Arbeiterklasse abheben und ihr Obrigkeitsdenken betonen.
 
Das war im französischen Adel vor der Revolution nicht anders, aber die Franzosen legten da viel mehr Charme und Lebensfreude an den Tag. Prunk, Opulenz, ausschweifende Maskenbälle.
 
Die Zeit des Rokokos war bunter und vielseitiger, als wir annehmen. Es gab mehr Zwischentöne, auch gesellschaftlich. Frauen aus bürgerlichem Stand mussten durchaus im Geschäft mitarbeiten oder gingen ihren eigenen Geschäften und Leidenschaften nach wie z.B. die Schneiderin Rose Bertin, die Salonnière Jeanne Julie de Lespinasse oder die Malerin Elisabeth Vigée-Lebrun.
 
Diese bunte Welt möchte ich meinen Lesern näher bringen.